| Manchmal, während des Arbeitens –
ich sage jetzt nicht, während des Malens – gehen mir Fragen
durch den Kopf; zum Beispiel:
Wann findet Malerei eigentlich statt? oder: Wann ist Malerei?
Ist Malerei eine Tätigkeit?
Ist Malerei das Ergebnis einer Tätigkeit?
Ist schon die Vorbereitung zu dieser Tätigkeit Malerei?
Ist das Nachdenken über diese Tätigkeit auch Malerei? Ist das
Erzählen über das Nachdenken Malerei?
Ist das Nachdenken, Erzählen & Reden über das Ergebnis dieser
Tätigkeit – also über ein Bild – auch Malerei?
Welche Tätigkeit meinen wir überhaupt? Beginnt Malerei mit dem
Zeitpunkt, wo der mit Farbe getränkte Pinsel die Leinwand berührt
& dauert so lange, bis sämtliche Farbe auf der Leinwand verschmiert
ist? Oder beginnt Malerei schon mit dem Mischen von Farbe auf der Palette,
auf einem Stück Pappe oder auf dem Fußboden vor der Leinwand?
Oder mit dem Nachdenken, mit dem Vordenken, mit dem Planen und Entwerfen,
mit dem Verwerfen?
Beim Reinigen der Pinsel denke ich nach. Ich sitze am Waschbecken, betrachte
das Ergebnis meiner Arbeit und während des Betrachtens male ich weiter
– vor meinem geistigen Auge, so sagt man: ist das Malerei? Pinsel
waschen, nachdenken?
Sind es die Pausen? Die Pausen zwischen dem Mischen der Farbe und dem
Auftragen der Farbe? In diesen Pausen denke ich auch über Malerei
nach. Über Bilder. Über gemalte Bilder – von mir gemalte
Bilder. Oft sitze ich längere Zeit in meinem Malerstuhl im Atelier
– vor einem Bild oder der weißen Wand – und stelle mir
Bilder vor, die ich malen werde.
Aber auch Bilder, die andere vor mir gemalt haben.
Andere wie Vermeer, Velasques, manchmal Munch. Mantegna. Nie über
Kandinsky. Surrealismus ist eine Strömung, durch die ich auch geschwommen
bin. Aber mittlerweile habe ich mich schon lange in anderen Einfüssen
getrocknet. Hockney. Gestern zum Beispiel habe ich an Jim Dine gedacht.
An Jim Dines Malerei.
Oder ist es das Träumen von Bildern, nachts, während des Schlafens?
Von noch nicht gemalten Bildern. Von oft gesehenen Bildern. Ist Malerei
das Träumen vor Bildern – also während des Betrachtens
von Bildern?
Träumen von nicht gemalten Bildern bedeutet für mich auch: Ich
wünschte mir, dieses oder jenes Bild so oder so zu malen; gelungen
ist mir das aber noch nie.
Dann frage ich: „Warum malst Du nicht das, was Du in der Nacht vor
Deinem geistigen Auge gesehen hast?” Meistens beginne ich ja mit
der Absicht, mit dem Plan, ein erträumtes Bild zu malen. Aber dann
wird doch wieder alles anders. Ist das Unfähigkeit?
Eigentlich quäle ich mich, während der Pinsel über die
Leinwand zieht, wenn ich die weiche, noch feuchte Ölfarbe furche.
Es ist ein quälender, ermüdender Prozess. Außerdem ist
es stinklangweilig. Gelegentlich sagt jemand: „Ich würde Dir
gerne nur einen Tag zugucken, während Du malst.”
Verrückt. Sollen lieber spazieren gehen mit der Geliebten oder mit
den Kindern spielen in der Zeit, die Leute.
Eben. Ich verbringe mehr Zeit damit, genau diesen Moment vorzubereiten:
der Moment, an dem ich den Pinsel über die Fläche der Leinwand
führe. Und anschließend denke ich darüber nach. Nachdenken
kann lange dauern.
Vielleicht male ich deswegen. Ein Bild nach dem anderen. Weil ich von
Bildern träume und über sie nachdenken kann.
Wenn ein Bild fertig ist, bin ich glücklich; aber nur dann. Wenn
ich mich beim Betrachten eines Bildes freue, ist es fertig. Ich nehme
mir nie vor, das Bild fertig zu malen. Es ist das Bild, was mich überrascht
und sagt: „Hör auf! Ist gut! Mach Schluss! Geh spazieren mit
der Geliebten oder spiele mit den Kindern!”
Dann bin ich erleichtert und denke: „Wie gut, dass Du Dich so gequält
hast!”
Es kommt vor, dass ich nicht auf das Bild höre und ein wenig zuviel
male. Dann bin ich einen Tag später damit beschäftigt, die Spuren
des Malereiüberschusses mit den Mitteln der Malerei zu beseitigen.
Oder ich kratze alles ab, wasche alles mit Terpentin runter. Unnötige
Malerei?
Das ärgert mich. Ich weiß nicht, ob ich den Gedanken, der im
Bild war, noch einmal fassen kann. Nein – ich weiß, dass ich
den Gedanken nie wieder fassen kann. Er ist weg. Flüchtig. Einmal,
für deine winzige Ewigkeit, war er im Bild und ich habe nicht gehört,
nicht gesehen, nicht nachgedacht, war zu schnell; zu schnell gemalt.
Ich habe den Gedanken mit Farbe zugeschmiert. Zugemalt. Besser, ich hätte
vorher gedacht, über den nächsten Schritt nachgedacht. Über
Malerei nachgedacht. In Gedanken gemalt. Gott sei Dank gibt es viele Gedanken.
Viele winzige Ewigkeiten. Manche kann ich dann doch festhalten. Das ist
schön.
Möglicherweise liegen die Antworten dieser Fragen im Bild. Das Bild
zeigt die Zeit, in der Malerei stattgefunden hat. Und sie findet weiterhin
statt.
Malerei ist eine Haltung. Wenn du Maler bist, malst du ständig. Das
ist das praktische an der Malerei. Egal, ob die Augen geschlossen sind
oder geöffnet.
Dieses Jahr habe ich viel über Malerei nachgedacht.
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