| „Ausweitung der
Schnittmenge” Katalogtext zur gleichnamigen Ausstellung
im Kunstverein Dillingen 2oo5
Bilder – nichts als Bilder
Als ich die Website des Künstlers Armin Rohr öffnete, um für diesen Beitrag noch einige Informationen zu erhalten, erschienen auf dem Bildschirm eine Frage und eine Antwort: „Was bleibt am Ende?“ „Bilder – nichts als Bilder“. Ich blieb überrascht eine Weile auf der ersten Seite „hängen“ und überlegte. Ein Schlüssel zu der Arbeit des Malers? Und was war am Anfang? Auch am Anfang waren Bilder: bemalte Muscheln, ca. 70.000 Jahre alt, Höhlenmalereien, ca. 30.000 Jahre alt. Auch später war die Aufgabe der Malerei klar und deutlich: Ob es sich nun um Altarbilder, Deckenmalereien oder später auch um Landschafts-, Genrebilder oder Porträtkunst handelte, immer ging es um Abbildungen im wahrsten Sinne des Wortes.
Hierbei spielte keine Rolle, ob ein „reales Abbild“, z. B. bei den Porträts, oder eine erzählende Darstellung „aus der Phantasie“, z. B. bei Historienbildern, intendiert war. Das Ziel war, einen möglichst hohen Wiedererkennungswert der Darstellung zu erreichen. Der Inhalt dieser Bilder war klar und einfach, jedenfalls für die jeweiligen „Zielgruppen“ verständlich. Für diese waren die gemalten Bilder realistisch in dem Sinne, dass sie eine bestimmte Vorstellung oder Idee, oder auch einen Gegenstand, „realistisch“ darstellten.
Die Erfindung der Fotografie änderte dies, mit der Folge, dass die Malerei gezwungen wurde, eine neue Aufgabe zu suchen. In diesem Bemühen rückte relativ früh die Thematisierung der „real existierenden“ eigenen bildnerischen Mittel in den Vordergrund: die Wirkung der Farbe und die Zweidimensionalität der Bildfläche wurden wichtiger. Jedoch wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts die Realitätsfrage selbst differenziert, so dass der Fotografie nicht nur die objektive Wiedergabe abgesprochen wurde, sondern auch die Existenz einer objektiven Wirklichkeit in Frage gestellt und schließlich verworfen wurde.
Diese Entwicklung eröffnete den Weg „zurück“ zur darstellenden Malerei. In der heutigen Zeit nähern sich junge Künstler der Malerei relativ unbeschwert und locker. Die Problematik des sog. perfekten Bildes ist schließlich im letzten Jahrhundert mitunter überthematisiert worden – und außerdem: Weiter als eine weiße Fläche auf einem weißen Grund kann man nicht gehen. In der modernen Kunstgeschichte erleben wir unterschiedliche Phasen, die zwei, drei Jahrzehnte andauern. So stehen mal die formellen Fragen im Mittelpunkt, mal die erzählerischen Aspekte. Nach dem Kubismus folgte der Surrealismus und der Dada; auf Jackson Pollock und Barnett Newman folgten die Pop-Künstler; die wiederum von den Vertretern der konzeptuellen Kunst abgelöst wurden. In den 80ern setzte sich die stürmische Malerei der Jungen Wilden aus Deutschland und Italien durch und entwickelte schließlich den kühleren Postmodernismus, der aber kein „Stil“ im eigentlichen Sinne ist, weil die Maler wieder verstärkt figurative Themen auf- und auf den Themenkatalog der traditionellen Malerei zurückgreifen. Diese figürlichen Anleihen werden in der heutigen Zeit durch eine Bildsprache, die aus den Bereichen Computer, Film und Internet stammt, ergänzt: Alles kann, alles geht und wird zudem kombiniert. Soweit die Entwicklung aus der Sicht der Künstler und der Kunsthistoriker.
Wir, die Rezipienten der Kunst, haben unsererseits in den letzten 100 Jahren anders sehen gelernt, weil wir uns an die alltägliche Flut von bewegenden Bildern, die in früheren Zeiten unverständlich gewesen wären , gewöhnt haben, und deshalb kompliziertere Bildzusammenhänge leichter erkennen.
So empfinden wir eine schnelle Bildfolge als selbstverständlich und können ohne Weiteres Sprünge in Zeit oder Raum durch ein (fast automatisches) Assoziieren und Kombinieren nachvollziehen, die vordergründig nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Wir wissen, dass vieles nicht „der Wahrheit“ entspricht, und destillieren deshalb aus allen Informationen unsere eigene, individuelle Wahrheit. Wir haben gelernt, postmodernistisch wahrzunehmen.
Für die Bilder des Malers Armin Rohr braucht man dieses Gefühl der „Gleichzeitigkeit“. Die Bilder wachsen langsam, Motive kommen und verschwinden, Farben ändern sich während des Malvorganges, Strukturen treten in Erscheinung und werden wiederum übermalt. Würde man den Vorgang filmisch festhalten und im Zeitraffer abspielen, sähe man sich mit „der ganzen Geschichte“ konfrontiert. Von dieser Geschichte bleibt letztendlich nur das Schlussbild sichtbar. Nur, anders als beim Film, ist dieses Schlussbild nicht eine Momentaufnahme, sondern enthält immer noch alle vorhergehenden Stadien des Entstehens.
Ein Foto oder ein Film-Standbild ist im Grunde genommen immer ein Schnappschuss, ein Ausschnitt, ein gemaltes Bild dagegen ist die Summe verschiedener Wahrnehmungen und Empfindungen während des Malens, und dessen Spuren bleiben sichtbar, bzw. spürbar, „erahnbar“. Außerdem liebt Armin Rohr es, seine Bilder „offen“ zu lassen, das heißt, sie sind im Grunde genommen nicht als „Schlussbild“ gedacht. Der Betrachter kann, falls er möchte, den Bildprozess weiter denken. Er kann an die Bewegung und Dynamik anknüpfen, so als würde er den Faden eines Films, dessen Ausgang noch offen ist, in Gedanken weiter spinnen.
Dies wird durch die Tatsache hervorgerufen, dass Armin Rohr abstrakte und figurative Elemente in seinen Bildern einsetzt, die entweder aus der Hand gemalt, oder mit Hilfe von Schablonen auf der Bildfläche vervielfältigt werden. Wer, wie es die Ausstellung in Dillingen anbietet, die Chance nutzt, mehrere Bilder miteinander zu vergleichen, dem fällt auf, dass viele Motive – ein frontales Selbstbildnis, der Gartenzwerg, Dinosauriersilhouetten, Männer mit Gewehren, Wolken, Engel – „bildübergreifend“ wiederkehren. Hierdurch verlieren sie interessanterweise etwas von ihrer narrativen Wirkung und verwandeln sich fast in Chiffren oder Zeichen: stenogrammhafte Kürzel, die zusammen, wenn ihr Ursprung auch mitunter unterschiedlicher nicht sein könnte (Zeitungsfotos, Passbilder, Werbungsheftchen), eine überraschend homogene Bildsprache bilden.
Armin Rohr zeigt in diesen sehr persönlichen Arbeiten seine Haltung zu unserer Welt. Er selbst erklärte in einem Gespräch, dass er es an der Zeit fand, konkreter Stellung zu beziehen. Seine Haltung ist klar erkennbar: Er thematisiert die „heile Welt“, die so gerne idealisiert wird, und konfrontiert sie mit ihren Problemen: Gewalt und Krieg, wenn es die ganze Gesellschaft betrifft und Depressionen, Druck und Repression, wenn der Mensch als Individuum angesprochen ist.
Die Farbflächen im Hintergrund (und bisweilen auch im Vordergrund) eines jeden Bildes verleihen der Komposition Tiefe, sie unterstützen jeweils die dem Bild inhärente Realität, ein Paralleluniversum, manchmal sogar mehrere in einem Bild. Waren in den älteren Bildern diese Farbflächen streng horizontal und vertikal strukturiert, so sind sie in den neueren amorph, fast organisch aufgefasst. Schafften die scharfen Kanten durch ihre begrenzende Wirkung eine klare Räumlichkeit und brachten sie Ruhe und eine gewisse Ordnung, so wirken die Farbflächen nun viel bewegter und fließender, und es bleibt dem Betrachter selbst überlassen, Zusammenhänge herzustellen.
Bleiben wir beim Filmvergleich: in den älteren Bildern waren die verschiedenen Filmszenen voneinander getrennt, quasi nacheinander sichtbar, in den neueren sind die verschiedenen Inhalte gleichzeitig, nebeneinander in einem Bild, vereint. Darüber hinaus gibt es einen weiteren, gravierenden Unterschied zu den Medien Fotografie und Film: Das Bild ist ein reelles Objekt, und als Objekt bildet es, abgesehen von seinem Inhalt, eine eigene Realität.
Armin Rohr selbst spricht davon, dass das Bild Teil des Raumes ist, Teil der Realität und Teil der Zeit in der wir uns bewegen. Es ist einfach da, sowie auch die Inhalte einfach da sind, und wenn wir es betrachten wollen, können wir dies zu jeder Zeit tun.
Es sind Bilder – nichts als Bilder.
Drs. Cornelieke Lagerwaard - Leiterin des Museums St. Wendel
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