Armin Rohr - Freier Maler

„Armin Rohr: Ausweitung der Schnittmenge“ Ausstellungseröffnung Dillingen, Altes Schloss, 22.5.05

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

als mich Armin Rohr vor einiger Zeit fragte, ob ich zu seiner Eröffnung sprechen möchte, habe ich zugesagt, ohne die Bilder gesehen zu haben, die heute hier vorgestellt werden. Ich dachte an die Arbeiten, die ich von ihm kannte – die man von ihm kannte. Sein Hinweis, dass sich aber einschneidende Veränderungen in seiner Malerei vollzogen haben, klang fast wie eine Vorwarnung. Was ich dann im Atelier sah, war in der Tat völlig neu. Doch im Verlauf der Betrachtung wurde mir klar, dass diese neuen Bilder keinen Bruch darstellen, sondern die bisherige Malerei von Armin Rohr nur weiterentwickeln: konsequent, mutig wie ich finde, und auf eine sehr persönliche Art und Weise.

In die abstrakte Bildwelt von Armin Rohr mit ihren unergründlichen Farbräumen, den vielfachen Übermalungen, mit der Staffelung von offenen, amorphen Formen neben schablonenartigen geometrischen Flächen, mit betonten Schnittstellen, indifferenten Leerstellen und strukturierenden zeichnerischen Elementen – in diese Bildwelt ist die Figur zurückgekehrt. Sie hat das Alte nicht völlig verdrängt, nein, sie platziert sich gewissermaßen dazwischen. Plakativ erscheinen diese Figuren – wenn man dies auf die Motivwelt bezieht, der sie entstammen – und andererseits noch wie in der Schwebe, in einem Zustand des Übergangs, der Metamorphose – und darin sind sie den abstrakten Farbformen wiederum ähnlich.

Bunter, lauter, poppiger geht es zu in den neuen Bildern des Armin Rohr, so scheint es. Die kalte, manchmal schrille, stark kontrastierende Farbigkeit einer Plastik-Spielzeug-Welt tritt uns hier entgegen. Eine bunte Mischung immer wiederkehrender figürlicher Formen bevölkert diese Welt: Gartenzwerge, Dinosaurier, Engelsköpfe, Männer mit Gewehren, und immer wieder dieselbe Silhouette einer Rückenfigur und das Porträt des Künstlers. Es sind die gleichen Figuren, die in verschiedenen Bildern in stets neuen Kombinationen und Variationen erscheinen.

Armin Rohr setzt dazu Schablonen ein – ähnlich wie er es auch früher schon mit geometrischen Flächenelementen getan hat. Als Vorlage dienen ihm Zeitungsbilder, eigene Fotos oder auch die Spielsachen seiner Kinder. Unterschiedslos greift er auf alles zur Verfügung stehende Material zurück: auf die trivialen Bild-Welten des Comic, der Werbung oder des gutbürgerlichen Kitsches ebenso wie auf die Reportagefotografie, die uns täglich mit Bildern von Krieg und Gewalt konfrontiert. Auf Material also, das uns alle in Hülle und Fülle umgibt – Bilder, die wir alle kennen, so oder auch ein bisschen anders. Aber letztlich ist es gleichgültig, denn sie sind austauschbar geworden und offensichtlich ebenso ihr Zusammenhang.

Bei der Suche nach einer neuen Manifestation des Figürlichen war die Schablone für Armin Rohr von richtungsgebender Bedeutung. 1996 hat er die Figur, wie er sagt, „aus seinen Bildern entlassen“ - und seitdem immer wieder gesucht. In seinen um das Jahr 2001 entstandenen Arbeiten sah er sich am Endpunkt der Abstraktion angelangt oder besser: am Endpunkt dessen, was ihn an der Abstraktion interessierte. Die abstrakte Malerei war ihm zu unverbindlich geworden, zu unpersönlich. Er wollte wieder mehr von der äußeren Welt in seine Bilder einfließen lassen, mehr von seiner Sicht der Welt. Armin Rohr ging es um eine „Ausweitung der Schnittmenge“, jenes Raumes, in dem sich die Einflüsse der äußeren Welt und der Innenwelt, die diese Eindrücke aufnimmt, filtert und verarbeitet, überschneiden. Der Bezug zur umgebenden, zeitgenössischen Welt wird im Bild vor allem erfahrbar durch Figuren im Raum.

Armin Rohrs Stipendium an der Cité International in Paris im Jahr 2002 löst einen Wandlungsprozess aus, der sich schon länger angekündigt hatte. Eine Findungsphase, während der der Arbeitsverlauf zeitweise ins Stocken gerät, um dann plötzlich mit enormen Tempo voranzuschreiten. Bilder werden begonnen, dann wieder verworfen oder neu übermalt. Am Ende entstehen in nur vier Monaten sämtliche Arbeiten dieser Ausstellung. Die Suche nach der Figur gestaltet sich für Armin Rohr schwierig, weil sich sofort assoziative Bezüge aufdrängen, weil alles zu konkret, zu erzählerisch wird. Über die skizzierte Rückenfigur und das Selbstporträt gelingt es ihm, etwas von seiner eigenen Körperlichkeit und Befindlichkeit ins Bild zu transportieren. Es ist wie eine Selbstvergewisserung – eine Funktion, die auch die Schablonen erfüllen: durch die Wiederkehr der ständig gleichen Figuren etablieren sie sich, sie bekommen etwas Greifbares, gewinnen an Gewissheit, werden zu einer festen Setzung im Bild – zu einem Zeichen.

Armin Rohrs Bildfiguren sind letztlich Zeichen, es sind Chiffren für Figuren. Im Grunde unterscheiden sie sich insofern nicht von abstrakten Bildzeichen. Doch während diese ihre Bedeutung im farbformalen Kontext erhalten, sind die Schablonenfiguren bereits mit Konnotationen besetzt. Genau damit arbeitet Armin Rohr. Bilder, die wir alle kennen oder zu kennen glauben, Bilder, die zu Klischees geworden sind, weil wir solche oder ähnliche immer wieder finden, werden wie Puzzleteile aus der sichtbaren Außenwelt ins künstlerische Gesamtbild collagiert. Die Klischeebilder verändern sich durch die Malerei, welche ihre Herkunft absichtlich verunklärt, und die ihnen einen neuen Kontext zuweist.

Armin Rohr erfindet keine neuen Bildwelten, sondern er stellt uns Bekanntes – gefiltert durch seine Wahrnehmung und künstlerische Umsetzung - neu zur Verfügung, so dass sich jeder seine eigene Geschichte konstruieren kann. Und spätestens wenn wir damit beginnen, wandelt sich das Bild und in die bunte Welt des Trivialen mischt sich Beklemmung. Wenn bewusst wird, dass es keinen Unterschied mehr gibt zwischen den Bildern von bewaffneten Soldaten, Spielzeugmonstern, geschlachteten Hühnern, banalen Gartenzwergen oder dem Bild der Person, erahnen wir, dass Armin Rohr hier keine Comic-Welt nachbildet, sondern dass er Stellung bezieht zur realen zeitgenössischen Welt, deren inflationärer Umgang mit Bildern zunehmend den Blick verstellt.

„Der Name ist nicht das Ding. Die Landkarte ist nicht das Land“ lautet ein Zitat von Alfred Korschipski, das Armin Rohr im Katalog zu dieser Ausstellung verwendet und dem man mit seinen eigenen Worten hinzufügen kann „Und die Bilder – sind nichts als Bilder“.

Ich danke Ihnen.

Nicole Nix-Hauck M.A. - Leiterin der Städtischen Galerie Neunkirchen